Otto-Lilienthal-Verein Stölln e.V.

Der Traum vom Fliegen

 

Pressemitteilung

 

LESUNG: Geschichte entscheidet selbst

 
  1. geschrieben von Caterina Rönnert, Monday, June 8, 2009
    Märkische Allgemeine

     

Altbundespräsident Richard von Weizsäcker besuchte Stölln

STÖLLN - Falls er noch Bedarf hätte, könne er hier heiraten. So empfing das Personal der Lady Agnes den ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker am vergangenen Samstag in Stölln. Von Weizsäcker war etwas früh dran und so begab er sich mit seiner Frau auf die Spuren Otto Lilienthals, wo dem mittlerweile 89jährigen in der Lady Agnes das einmalige Hochzeitsangebot unterbreitet wurde. Er sei bereits seit 54 Jahren verheiratet, erwiderte er lachend.

Mit dieser Anekdote begrüßte Richard von Weizsäcker wenige Stunden später die Gäste in der Stöllner Kirche zu seiner Lesung und gewann das Publikum, das unter anderem aus Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern angereist war, sofort für sich. Im Rahmen des diesjährigen Kirchensommers hat der Verein Märkische Güter e.V. zu dieser besonderen Lesung geladen.

Richard von Weizsäcker las aus seinem Buch, das es eigentlich noch gar nicht auf dem Markt gibt. Er sei gerade dabei, seine Erinnerungen zu Papier zu bringen, erzählte er. Auf einem großen alten Stuhl sitzend wirkte der ehemalige Bundespräsident wie ein Märchenonkel. Nur dass er keine Märchen vorlas, sondern einen historischen Abriss von 1939 bis zur Wendezeit gab, immer mit dem Bezug zur eigenen Biographie, seinen persönlichen Erlebnissen sowie Begegnungen während seiner Amtszeit als Regierender Bürgermeister Berlins (1981bis1984) sowie als Bundespräsident (1984 bis1994). Er erzählte von seinen politischen Reisen, unter anderem vom unvergesslichen Treffen mit dem Staatsoberhaupt der DDR Erich Honecker oder das mit dem ehemaligen Präsidenten der Sowjetunion Michail Gorbatschow, der maßgeblich an der Wiedervereinigung Deutschlands beteiligt war und der zu Weizsäcker im Oktober 1987 sagte: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“. Er meinte damit, dass Geschichte selbst entscheidet, man ihr nicht vorgreifen solle, sie aber auch nicht verpassen solle.

Die Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 wurde nicht verpasst. Weizsäcker betonte in seinem Vortrag zwanzig Jahre nach dem Mauerfall, dass ein Land sich nur vereinigen kann, wenn man sich auch in der Geschichte vereint. Man müsse wissen, wo man herkommt. Ein Zuhörer fragte von Weizsäcker, ob es immer vierzig Jahre dauere, bis man klug wird, worauf von Weizsäcker entgegnete, in welchem Land denn schon Vernunft herrsche.

Unter den Gästen war auch die ARD-Moderatorin Sandra Maischberger, die mit ihrem Kamerateam zurzeit ein Portrait über den ehemaligen Bundespräsidenten dreht, das im April 2010 zu sehen ist. Und vielleicht taucht ja auch Stölln im Film auf, über den Mann, der die Geschichte der Wiedervereinigung mitschrieb.