Dieser Moment ging in die Geschichte ein

Etwas aufgeregt schaute Horst Schwenzer am Samstagnachmittag auf die Uhr. „Noch zwei Minuten“ sagte der Vorsitzende des Otto Lilienthal Vereins ungeduldig. Im Airport auf dem Gollenberg hatten sich inzwischen viele Besucher eingefunden. Dann war es so weit.

Auf einer Leinwand tauchten die Bilder von der Landung der IL 62 am 23. Oktober 1989 auf dem Gollenberg auf. Die Motorengeräusche des Flugzeuges wurden eingespielt und sorgten bei den Besuchern für „Gänsehaut“ pur.

Um 13.03 Uhr vor 29 Jahren hatte Flugkapitän Heinz-Dieter Kallbach mit seiner Crew die IL 62 – von den Stöllnern zu Ehren von Otto Lilienthals Frau auf den Namen „Lady Agnes“ getauft – auf einer nur 900 Meter langen Rasenpiste auf dem Gollenberg sicher zur Landung gebracht. Eine bis dato kaum für möglich gehaltene Leistung war vollbracht und wird seither jedes Jahr mit einem Fest gefeiert.

Zum mittlerweile 29. Landungsfest hatte der Lilienthalverein am Samstag eingeladen. Und exakt zur Landezeit um 13.03 Uhr eröffnete Horst Schwenzer das Fest mit vielen Erinnerungseffekten.

„Es war ein Tag, der in die Geschichtsbücher eingegangen ist“, erklärte der Vereinsvorsitzende bevor er die komplette Crew von damals begrüßte. Flugkapitän Heinz-Dieter Kallbach war ebenso nach Stölln gekommen wie Copilot Peter Bley, Bordingenieur Ulrich Müller und Navigator Rudolf Döger.

Der Flugkapitän erzählte spannend von Vorbereitungen, exakten Berechnungen und Sicherheitsvorkehrungen, die notwendig waren, um das Unternehmen Flugzeuglandung auf dem Gollenberg zum Erfolg zu bringen.

Die IL 62 musste dafür acht Tonnen leichter werden. Alles, was an technischen Einrichtungen und Geräten nicht notwendig war für die Landung, wurde ausgebaut. Heinz-Dieter Kallbach berichtete von einem sowjetischen Geheimdokument mit der Einschätzung: „Die Landung einer IL 62 auf einem Rasenplatz ist nicht möglich“.

Kallbach und sein Team widerlegten die Einschätzung der Sowjets. 1973 holte die DDR Interfluggesellschaft die IL 62 von Moskau nach Berlin–Schönefeld und ist mit ihr dann 16 Jahre in die ganze Welt geflogen.

„Wir sind auf allen namhaften europäischen Flughäfen gelandet und gestartet, aber auch in Asien und Afrika waren wir“, erinnerte sich am Samstag Marlies Enge. Sie war 22 Jahre Stewardess bei der Interflug und hat oft Passagiere auf einen Flug in der IL 62, der heutigen Lady Agnes begleitet.

Heinz-Dieter Kallbach war der Flugkapitän. „Er hatte eine gute Crew“, erinnerte Marlies Enge beim Landefest und lies vor dem Airport ihren Blick über die Lady Agnes schweifen.

Stöllner Verein investierte 140.000 Euro in die Lady Agnes

1989 wurde die Il 62 aus dem aktiven Flugdienst genommen und kam nach Stölln. „Vergesst mir das Flugzeug nicht“, hatte Kallbach beim Landungsfest vor zwei Jahren betont und dabei den Sanierungsbedarf zum Erhalt der Lady Agnes angemahnt. Horst Schwenzer konnte am Samstag Vollzug melden.

Der Lilienthal Verein hat das Flugzeug, das jedes Jahr rund 25.000 Besucher anlockt, und Stölln weltweit bekannt machte, in den letzten Monaten innen und außen einer Generalsanierung unterzogen und einen neuen Farbanstrich verpasst. „Jetzt glänzt die Lady wieder und sie ist fit für die kommenden Jahre“, erklärte Kallbach zufrieden.

Der Lilienthalverein hat dafür mit Hilfe von Förderungen und Spenden 140.000 Euro investiert. Noch ist finanziell nicht alles in trockenen Tüchern. Der Verein muss für seinen Eigenanteil bis zum Jahresende noch 10 000 Euro aufbringen.

Deshalb warb Schwenzer um weitere Unterstützung und machte die Besucher auf Spendenbüchsen aufmerksam, die der Verein aufgestellt. Kallbach signierte mit seiner Crew Bücher und Broschüren, auch einen Jahreskalender 2019, den der Verein mit Bildern der IL 62 gestaltet hat.

Die Besucher, zu denen auch Rathenows Bürgermeister Ronald Seeger und die Rhinower Kämmerin Ellen Schütt gehörten, besichtigten die frisch gestylte Lady, samt neu gestaltetem Standesamt. Das Landungsfest hatte eine wohltuende Atmosphäre und machte Lust auch im nächsten Jahr wieder auf den Gollenberg zu kommen. Das Fest war der zugleich der Abschluss der Saison 2018, die nun endet.

Von Norbert Stein (Märkische Allgemeine)

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