In dieser Iljuschin 62 starten Paare in den Ehehimmel

Schon 900 Paare wurden in der Iljuschin 62 auf dem Gollenberg getraut. Nun sammelt ein Verein Spenden für die Renovierung des Fliegers.

Der Kapitän von einst ist längst in Rente, die staatliche DDR-Fluggesellschaft Interflug mehr als 25 Jahre aufgelöst. Das 250-Einwohner-Dorf Stölln im Ländchen Rhinow im Havelland hat in der Zwischenzeit rund 100 Bewohner verloren. Doch die Lady Agnes, sie steht immer noch auf dem Gollenberg. "Allerdings ist unsere Agnes deutlich in die Jahre gekommen und müsste repariert und neu angestrichen werden", sagt Horst Schwenzer, der Vorsitzende des Otto-Lilienthal-Verein Stölln e.V. "Wir sind daher dringend auf Spenden angewiesen, um den Eigenanteil für eine Förderung zusammenzubekommen."

Das Langstrecken-Passagierflugzeug Iljuschin II 62 auf dem ältesten Flugplatz der Welt ist die Touristen­attraktion im Havelland. In Stölln hatte Flugpionier Otto Lilienthal ab 1893 seine Flugversuche unternommen. Am 9. August 1896 stürzte er auf dem Gollenberg aus 15 Meter Höhe ab – und verstarb einen Tag später an den Folgen des Unfalls.

Bei unserem Besuch in dem historischen Dorf im Ländchen Rhinow trägt der 77-jährige Horst Schwenzer wieder einmal seine blaue Flugkapitän-Uniform mit den vier Goldstreifen. "Aber nur zu Werbezwecken", wie er betont. Im wirklichen Leben hat der Mann mit dem breiten Lächeln und der stolzen Haltung nie ein Flugzeug gesteuert, sondern war früher Hauptbuchhalter bei der "ZGE Milchviehanlage Stölln". In dieser Funktion bereitete er einst die letzte Landung des Langstrecken-Passagierflugzeugs Iljuschin II 62 vor. Denn der örtliche Agrarbetrieb bezahlte den Anflug – 93.000 Ost-Mark kostete er.

Pilot kam 1989 mit der Landung ins Guinness-Buch

Am 23. Oktober 1989 landete der wirkliche Flugkapitän Heinz-Dieter Kallbach die IL-62 Lady Agnes auf der nur 860 Meter kurzen Gras-Landesbahn des Segelflugplatzes Stölln. Die vierköpfige Crew kam damit ins Guinness-Buch der Rekorde. Denn es war ein riskantes Manöver. Die IL-62 braucht eigentlich eine 2500 Meter Betonpiste, um sicher aufzusetzen. Der Boden musste also gut vorbereitet sein und das Wetter stimmen. Und der Flieger sollte von 83 auf 75 Tonnen Gewicht abspecken, deshalb wurden zuvor die Passagiersitze vor­ü­bergehend ausgebaut.

"Den Namen Lady Agnes bekam das Flugzeug natürlich erst von uns", erzählt Schwenzer, "es ist benannt nach Lilienthals Frau." Stöllns damalige Bürgermeisterin Sybille Heling hatte schon gut ein Jahr zuvor bei der Interflug um das ausgemusterte Langstrecken-Flugzeug angefragt. Als Reminiszenz an Otto Lilienthal sollte es seinen letzten Platz auf dem Gollenberg bekommen. 1973 war die Maschine bei Interflug in den Dienst gestellt worden. Sie hoffte, damit noch mehr Besucher nach Stölln zu bekommen. Die Maschine kostete die Gemeinde nichts, nur eben die "Lieferung" musste bezahlt werden.

Die Lady Agnes landete erst im dritten Versuch. Vier Tage vorher musste der Anflug nach Stölln wegen eines Fehlers beim Umkehrschub der Triebwerke abgebrochen werden, am nächsten Tag behinderte Nebel die Sicht. An jenem Oktobertag aber passte alles. "Um 13.03 Uhr kam sie mit 220 Kilometern angeflogen und berührte den Boden", erinnert sich Schwenzer.

Die Zuschauer sahen zuerst nur eine gewaltige Staubwolke. Dann rollte die Maschine unter Applaus an die Stelle den Berg hoch, an der sie heute noch steht. Gleich nach der Landung soll Kopilot Peter Bley vorgeschlagen haben: "Ihr müsst in der Maschine ein Standesamt aufmachen". Ein Jahr später ließen Bley und seine Braut sich in der Lady Agnes trauen. Seither fanden 900 Trauungen in dem Flugzeug statt. Das Brautpaar steht mit dem Standesbeamten ganz hinten im Flieger oder tauscht die Ringe sogar auf den riesigen Flügeln.

Hochzeitsgäste nehmen in den Passagiersitzen Platz

Die Hochzeitsgäste sitzen in den weichen, rot-orangen Passagiersitzen – mit mehr Beinfreiheit als in einem modernen Flieger. Der Mief ist längst entwichen. Die Sitze sind neu gepolstert – aufbereitet durch das Berufsbildungswerk, wie ein Schild verrät. Doch vieles muss noch gemacht werden, um die Touristenattraktion in Schuss zu halten.

"Da die Maschine außen bereits teilweise rostet, muss sie gegen Korrosion behandelt werden und braucht einen Anstrich", zählt Schwenzer die wichtigsten Erhaltungsmaßnahmen auf. "Auch die Triebwerke und das Fahrwerk brauchen einen neuen Korrosionsschutz." Kabinen- und Cockpitfenster gehören abgedichtet, da Kondenswasser die Sicht nach draußen trübt. Die Liste ist lang, das Geld knapp.

Der Verein mit seinen rund 60 Mitgliedern hat 100.000 Euro Fördermittel beim Land Brandenburg beantragt. Doch ohne Eigenanteil bekommt er gar nichts. "Wir freuen uns daher über jede Spende", sagt Vereinschef Schwenzer. Er deutet auf den Boden der Maschine. "Auch der Teppich muss erneuert werden, nachdem wir bei der Buga rund 190.000 Leute im Flugzeug hatten."

Durch die Bundesgartenschau 2015 ist die alte Lady noch bekannter geworden. Obwohl "Kapitän" Schwenzer jedes Jahr auf Messen wie der Grünen Woche in Berlin für einen Besuch bei ihr wirbt. Denn Stölln machte als kleinster Ort von fünf Städten und Gemeinden bei der länderübergreifenden Buga mit. Insgesamt fünf Orte in Brandenburg und Sachsen-Anhalt beteiligten sich an der Gartenschau, die mit einem Minus von rund 11 Millionen Euro endete. Das Eintrittsgeld ging an die Buga-Veranstalter, der in der Zeit aber die Gehälter der Mitarbeiter übernahm. Geblieben von der Buga ist nicht nur der abgenutzte Bordteppich, sondern auch der "Airport Stölln-Pavillon". In dem eigens errichteten Gewächshaus befindet sich seither ein kleines Restaurant und die einzige Interflug-Ausstellung Deutschlands. Den Pavillon hat der Verein für 30.000 Euro vom Buga-Zweckverband gekauft. Das Lilienthal-Zentrum am Ort wurde außerdem erweitert.

Von Gudrun Mallwitz (Berliner Morgenpost)

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