Stöllner Heimat neu kennengelernt

Am 23. Oktober 1989 landete Flugkapitän Heinz-Dieter Kallbach mit der Iljuschin 62 ein Interflug-Passagierflugzeug auf der nur 860 Meter kurzen Landebahn des Segelflugplatzes in Stölln. Er kam damit ins Guinnessbuch der Rekorde. So steht es im Werbeprospekt von Stölln. Und diese Fakten kennt in und um den kleinen Ort im Amt Rhinow jeder.

Fast genau 27 Jahre ist das nun her; ruhig und langweilig wird es um die IL-62 - liebevoll "Lady Agnes" genannt - aber keineswegs. "Der Besucherstrom nimmt seit der BUGA gar nicht ab", sagt Sylvia Kraft, die seit 2011 auf dem "ältesten Flugplatz der Welt" arbeitet. "Viele Besucher waren im vergangenen Jahr da und wollen sich jetzt alles noch mal in Ruhe anschauen. Gerade habe ich eine Familie aufs Gelände gelassen, die wieder Besuch von Verwandten aus Halle hat."

Zur Bundesgartenschau war der Platz rund um das Flugzeug komplett neu gestaltet worden: Neben der Airport-Halle, die bei Kaffee und Kuchen zum Verweilen auf Original-Sitzen einer IL-62 einlädt, ist das Areal mit viel Liebe zum Detail bepflanzt worden. Außerdem gibt es einen modernen Kinderspielplatz und eine Umzäunung.

Wer Stölln als Ort der Fliegergeschichte im Detail erkunden möchte, der geht auch auf den 110 Meter hohen Gollenberg, auf dem Otto Lilienthal seit 1893 seine erfolgreichen Flugversuche startete. "Hier wurden Sichtschneisen geschnitten, damit man die Aussicht von oben genießen kann", erklärt Kraft. Sie stammt aus Schönholz, das wie Stölln zur Gemeinde Gollenberg zählt, die seit 2013 auch offiziell die Zusatzbezeichnung "Lilienthal-Gemeinde" trägt - weithin sichtbar auf den Ortseingangsschildern.

"Wer hätte vor zehn oder fünfzehn Jahren gedacht, dass sich der kleine Ort so gut mausert", fragt die Oma von sechs Enkelkindern nicht ohne Stolz. Kinder und Enkel führt sie gern zu ihrem Arbeitsplatz. Regelmäßig kommen sie am 6. August zum Lilienthal-Fest oder am 23. Oktober zum Jahrestag der Landung der Lady Agnes. "Dieses Fest ist noch familiärer", erklärt Kraft. Auch Flugkapitän Kallbach hat sich in diesem Jahr wieder angekündigt. "Ein sehr sympathischer und bodenständig gebliebener Mann", sagt Sylvia Kraft. "Wie auch der Rest der damaligen Crew."

Durch ihre Arbeit hat sie ihre Heimat noch einmal neu kennengelernt, mehr in der Literatur über Lilienthal gelesen. "Obwohl wir natürlich schon als Kinder mit der Geschichte in Berührung gekommen sind", erzählt Kraft. "Wir sind am damaligen Gedenkstein Ernst-Thälmann-Pioniere geworden und waren enttäuscht, wie klein der Gedenkstein war", lacht sie. In der Flugplatzhalle kann man - wie auch im Flugzeug selbst - verschiedene Ausstellungen ansehen.

Kraft hat es eine Interflug-Stewardessen-Uniform besonders angetan. "Die Schneiderin wohnt in Kyritz und hat ihren 80. Geburtstag hier gefeiert", erinnert sie sich. Noch ein Beweis dafür, dass es auf dem ältesten Flugplatz der Welt nicht ruhig und langweilig wird: Die Airport-Halle kann zu privaten Feierlichkeiten angemietet werden. Zudem dient die IL-62 auch als Standesamt, das rege genutzt wird.

Von Carina Wagener (MOZ)

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