Gollenberg 13.03 Uhr: Eine Lady landet

In Stölln wurde vor 25 Jagren Luftfahrtgeschichte geschriebe

An den Tagen vor dem 23.Oktober 1989 hatte es geregnet. Kein gutes Flugwetter. Heinz-Dieter Kallbach blickte darum am 23. Oktober mit kritischem Blick zum Himmel hinauf. Es hatte aufgehört zu regnen, die Temperaturen waren kräftig gesunken. „Wir probieren es nochmal“, sagte sich der Kapitän bei der DDR-Fluggesellschaft Interflug und blickte zu der IL 62 auf dem Flugfeld in Schönefeld hinüber.

Himmelfahrtskommando oder fliegerisches Husarenstück – weil es Kallbach und seinem Team gelang, die große Passagiermaschine auf einer 900-Meter-Feldpiste auf dem Gollenberg bei Stölln sicher zu landen, war der Platz im Guinness-Buch der Rekorde sicher. Wehe, es wäre schief gegangen. Heinz-Dieter Kallbach ist ein besonnener Mann. Das darf man von einem Piloten erwarten. Der Landung am 23. Oktober gingen einige Fehlversuche vor aus, die Maschine startete durch und flog zurück. Am Boden stand in erster Reihe Sybille Heling. Die Bürgermeisterin von Stölln war es, die durch intensives Drängeln bei Behörden und bei der Interflug schließlich die Erlaubnis bekam, dass die IL 62, die eigentlich außer Dienst gestellt werden sollte, als Museumsstück ins Rhinower Ländchen kommt. Nun also, am 23. Oktober 1989, sollte die Maschine landen – endlich.

Herbst 1989 – Umbruchzeit. Demonstrationen in Dresden, in Leipzig. Friedensgebete, der Ruf nach Freiheit und nach einer anderen DDR wird immer lauter. „Wir sind das Volk“, rufen die Menschen jeden Montag in Rathenow. Sie spüren den Wind der Veränderung, die neue Zeit hatte schon begonnen. In Stölln aber war die Landung der IL 62 Tagesthema. Horst Schwenzer war damals Augenzeuge: „Das Flugzeug erschien hinter dem Wald und flog immer niedriger. Dann setzte es auf der Piste auf und der Pilot setzte den Umkehrschub ein. Das Flugzeug verschwand in einer riesigen Staubwolke und blieb nach 850 Metern stehen. Es war schon beeindruckend.“ Es war genau 13.03Uhr. Eigentlich benötigt eine IL 62 zwei Kilometer Landebahn. Die Iljuschin 62 war das Langstreckenflugzeug der Interflug. Erstmals ging eine IL 62 im Jahr 1963 in die Luft. Zwischen 160 und 190 Passagiere fanden in einer IL 62 Platz. Im vergangenen Jahr waren noch 20 Maschinen des Typs IL 62 weltweit unterwegs. Tragisch endete ein IL-62-Flug bei Königs Wusterhausen im August 1972. Das Ereignis gilt als größtes Flugzeugunglück auf deutschem Boden. Die IL 62, die am Gollenberg landete, war viele tausend Flugkilometer sicher unterwegs und der letzte Aufsetzer im Ländchen Rhinow war wohl ein Beweis für die äußerst robuste Bauart dieses Flugzeugtyps aus der Sowjetunion.

Heinz-Dieter Kallbach und sein Team hatten an einem geschichtsträchtigen Ort Fluggeschichte geschrieben. Im Jahr 1892 stellte sich ein gewisser Otto Lilienthal in Stölln vor. Er bezog Quartier in der Gaststätte von Mina Herms, heute ist das der Gasthof „Zum ersten Flieger“. Auf dem Gollenberg wollte Otto Lilienthal die Gesetze der Physik außer Kraft setzen und zeigen, dass der Mensch fliegen kann. Bevor er nach Stölln kam, hatte Lilienthal das schon in den Rauhen Bergen bei Steglitz ausprobiert. In Stölln gelangen Lilienthal Flüge bis zu 250 Meter Weite – mit einem Gleiter. Lilienthal gilt als erster Flieger der Menschheit. Am Gollenberg – zu Lilienthals Zeit gab es hier keinen Wald – schloss sich das Schicksal des Flugpioniers. Am 9. August 1896 stürzte Lilienthal aus 15 Meter Höhe ab. Man brachte den schwer Verletzten zunächst nach Stölln, dann nach Berlin – hier starb er am 10.August 1896. Rund 93 Jahre später landete Heinz-Dieter Kallbach die IL 62 und nun erlebt Stölln einen Lilienthal-Boom. In der Passagiermaschine wird ein Lilienthal-Museum eingerichtet. Die Pilotenkanzel sieht heute noch in etwa so aus, wie Kallbach sie verlassen hat. Und es gab noch mehr Ideen. warum nicht in einem Flugzeug heiraten? Das Flugzeug wurde zum Standesamt, in dem Paare aus aller Welt heirateten.
Horst Schwenzer, der mit eigenen Augen sah, wie das Flugzeug landete, kam von dem Ereignis nicht mehr los. Er ist inzwischen Vorsitzender des Otto-Lilienthal-Vereins. Jedes Jahr wird das „Otto-Fest“ gefeiert. Zum Tag des Absturzes gedenkt man am Gollenberg der Lilienthal’schen Pioniertaten. “ Und mit der Ankündigung, die Bundesgartenschau 2015 in die Havelregion zu vergeben, floss Geld, um in Stölln ein Lilienthal-Centrum zu errichten. Hier dreht sich alles um die Fliegerei. Die IL 62 wird von den Menschen in und um Stölln „Lady Agnes“ genannt – in Erinnerung an die Ehefrau von Otto Lilienthal. Und Horst Schwenzer betreibt kräftig Werbung. In einer Interflug-Pilotenuniform tritt er zur Grünen Woche oder zur ITB in Berlin auf. „Wir brauchen die Besucher, Tourismuswerbung ist unsere Chance“, sagt Schwenzer. Mit ihm und dem Bau des Lilienthal-Centrums bekam der Verein nochmal richtigen Schwung.

Das haben auch die Bundesgartenschau-Verantwortlichen erkannt. Der Gollenberg, die IL 62 und Stölln sind eine der offiziellen Kulissen für die Buga 2015. Der Fliegerpark soll Otto Lilienthal und das Meisterstück von Heinz-Dieter Kallbach noch einmal in den Fokus holen. Man will diese Geschichte mit Blumen und mit Flugmodellen erzählen und Horst Schwenzer hofft, dass sich die Geschichte herumspricht. In den Jahren nach der Bundesgartenschau sollen noch mehr Touristen nach Stölln kommen. 25 Jahre und zwei Tage nach der Landung auf dem Gollenberg wird in Stölln gefeiert. Höhepunkt wird die offizielle Namensgebung für das Flugzeug sein. Der Schriftzug „Lady Agnes“ ist schon angebracht worden. Und natürlich wird Heinz-Dieter Kallbach kommen. Der Pilot, der mit der IL 62 sein fliegerisches Können unter Beweis gestellt hatte, kam später noch einmal in die Schlagzeilen. Bei einem Flug nach Südeuropa hatte er als Pilot eines Charterflugzeuges einen randalierenden Passagier gebändigt und dabei selbst allerlei Blessuren abbekommen. In seinem Buch „Mayday über Saragossa“ beschreibt er diese und andere Lebensereignisse.

Was Horst Schwenzer und Sybille Heling mit eigenen Augen gesehen haben, können Gäste heute in einem Film nachvollziehen. Sie erleben die Landung nicht live – aber die eindrucksvollen Bilder geben ein Gefühl, was sich hier in Stölln am 23. Oktober 1989 abgespielt hat.

info: Das Landungsfest beginnt direkt bei der IL 62 am Sonnabend, 25.Oktober, um 13.03Uhr und damit exakt zu der Zeit, als die IL 62 vor 25 Jahren auf dem Gollenberg aufsetzte. Das Bühnenprogramm mit dem Motto „Love is in the air – Eine musikalische Flugreise mit der Lady Agnes“ beginnt um 15 Uhr im Lilienthal-Centrum.

Von Joachim Wilisch

erschienen in Markische Allgemeine

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