Stöllner Interflug-Maschine steckt voller Geschichten

Am 23. Oktober 1989 schaffte der Flugkapitän Heinz-Dieter Kallbach das Undenkbare. Er landete ein Langstreckenpassagierflugzeug der DDR-Fluggesellschaft Interflug vom Typ Iljuschin 62 (IL-62) auf der nur 860 Meter kurzen Landebahn des Segelflugplatzes in Stölln im Havelland. Es war damit das größte Flugzeug, das je auf einem unbefestigten Landefeld zum Stehen kam. Das sicherte Kallbach einen Eintrag im Guinessbuch der Rekorde.

Heute beherbergt das Flugzeug, das liebevoll „Lady Agnes“ genannt wird, und damit den Vornamen der Frau des Flugpioniers Otto Lilienthal trägt, ein Museum. In der Ausstellung „Unterwegs mit der Interflug“ erwarten den Besucher detaillierte Einblicke in die zivile Luftfahrtgesellschaft, die einst als Deutsche Lufthansa der DDR startete.

Im vorderen Teil der Passagierkabine präsentiert der Stöllner Verein „Otto Lilienthal“ seit 2012 Altes und Neues, sowie Wissenswertes und Kurioses aus dem historischen Reisebetrieb über den Wolken.

Alte Reisetickets und Prospekte

So gibt es nicht nur alte Reisetickets und Prospekte zu sehen, sondern authentisches Essgeschirr von Bord der IL-62. Ein originaler Servierwagen des Bordservices unterscheidet sich wenig von den heutigen moderner Flüge. Lediglich der Inhalt lässt sein Alter erahnen. Die Flaschen, mit Bier, Limonade, Wein und Apfelsaft gefüllt, tragen längst vergessene Markennamen. Der Inhalt ist natürlich nicht mehr genießbar.

Allerdings darf es sich der Besucher gerne in den alten Flugzeugsitzen bequem machen. Auch eine Schwimmweste von damals kann probeweise angelegt werden.

„Viele unserer Ausstellungsstücke stammen aus privater Sammlung oder sind Erinnerungsstücke ehemaliger Mitarbeiter von Interflug“, sagt Sylvia Kraft (61), Mitglied des Otto-Lilienthal-Vereins Stölln „Bei uns sind diese Stücke in guten Händen“. Sie war Augenzeugin der legendären Landung der IL-62 auf der Piste des Segelflugplatzes. „Wir sind in der Mittagspause aus dem Nachbarort gekommen, um uns das Spektakel anzusehen.“

1988 hatte Sybille Heling, damalige Bürgermeisterin von Stölln, die Idee, etwas für die Popularität Otto Lilienthals zu unternehmen. Lilienthal führte ab 1893 vom Gollenberg, der direkt neben dem Museum liegt, zahlreiche Flugversuche durch. Dann geschah das Unglück: Im Jahre 1896 stürzte er aus 15 Meter Höhe ab und erlag seinen schweren Verletzungen.

Die Landung gewagt

Die Luftfahrt-Gesellschaft war von der Idee Helings begeistert und schmiedete den Plan, eine ausgemusterte Maschine in Stölln abzustellen und für Besucher frei zu geben. Da das Demontieren des Flugzeugs und der Transport der Teile zu aufwendig gewesen wäre, wagte man eine Landung vor Ort.

Im Rumpf der IL-62 zeigt heute ein Film die spektakuläre Landung im Oktober 1989. Uniformen des fliegenden Personals, eine große Weltkarte mit den Flugzielen, sowie persönliche Dokumente runden den Querschnitt der Ausstellung ab.

Zahlreiche Modelle von Flugzeugen

Aufgrund des geringen Platzes an Bord der IL-62 sind weitere Ausstellungsstücke in einem Hangar neben dem Flugzeug zu begutachten. Neben Uniformen von Stewardessen aus den 70-er Jahren findet man hier auch Lehrmaterialien für das fliegende Personal und zahlreiche Modelle der Flugzeuge, die bei der Interflug zum Einsatz kamen. Zusätzlich informieren zahlreiche Texttafeln über den Betrieb im Flughafen und bei der Flugsicherung.

Vor allem die liebevollen Details fallen hier nicht immer sofort ins Auge. „Mein Lieblingsstück der Ausstellung ist ein kleines Stück Würfelzucker von Interflug“, schwärmt Kraft. „Ein Besucher war eigens aus Berlin angereist, um uns das niedliche Stück zu überreichen.“

Hier feiern frühere Stewardessen Geburtstag

Das Museum sei zudem Anlaufpunkt für ehemalige Mitarbeiter von Interflug. Regelmäßig feiern beispielsweise frühere Stewardessen in den Räumen des Hangars Geburtstage. „Wir sind für alles offen“, sagt Kraft. So kann man sich im originellen Standesamt an Bord der IL-62 sogar das Ja-Wort geben. Seit 1991 fanden hier bisher 933 Trauungen statt.

Wem die üblichen Führungen durch das Flugzeug ausreichen, der kann diese im Museum anmelden. Besucher erfahren hier die detaillierte Geschichte zur Maschine bei Kaffee und Kuchen. Auch Kindergruppen sind gerne gesehen. Kleine Gäste erhalten dann zu Beginn der Führung einen Fragebogen, dessen Antworten im Verlauf erarbeitet werden müssen. Eine spezielle Führung über den nahen Gollenberg mit Informationen zu Otto Lilienthal ist ebenfalls möglich.

Von Tobias Wagner (Märkische Allgemeine)

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